
„Kommen ein Engländer, ein Belgier, ein Spanier und ein Franzose zusammen …“ – dann gründen sie ein dominikanisches Forschungsinstitut für Menschen, die im Glauben gegenwärtig und neugierig bleiben wollen. Das Institut Chenu feiert 2026 seinen silbernen Geburtstag. Leitfrage für Brüder, Schwestern und Mitforschende lautet seit Beginn: Wie können wir die „Zeichen der Zeit“ erkennen? Oder anders gefragt: Wie geht Glaube in einer nachchristlichen Gesellschaft? Prof. Dr. Ulrich Engel OP öffnet für uns die Tür ins Institut:
„Ich war besonders von den Plänen für ein mögliches Institut für Theologie und Gesellschaft‘ beeindruckt. Dies könnte genau die Art von Projekt sein, die wir fördern müssten.“ Diese positive Rückmeldung gab der Engländer Timothy Radcliffe OP der Provinz Teutonia, nachdem er sie 1997 als Ordensmeister visitiert hatte. Inzwischen ist Pater Timothy Kardinal und gehört zu den Autoren, die das Institut Chenu veröffentlicht.
Drei Jahre später kam der Belgier ins Spiel: André Goulet OP berichtete, dass das dominikanische Europa-Institut „Espaces“ aus Brüssel in Berlin eine Filiale erhalten solle. Das norddeutsche Provinzkapitel in Walberberg entsprach dem Ansinnen. Damit war das Forschungsinstitut „M.-Dominique Chenu – Espaces Berlin“ höchstoffiziell beschlossene Sache.
Fehlt noch der Spanier: Javier Martínez Contreras OP, Doktorand der Philosophie aus Bilbao, vervollständigte zusammen mit Thomas Eggensperger OP und Ulrich Engel OP das Gründungstrio. Nach einer kurzen, äußerst lebendigen „Nomadenphase“ bei den Arenberger Dominikanerinnen in Berlin-Hermsdorf war es so weit: Am 1. Februar 2001 konnten die Räumlichkeiten in der Schwedter Straße 23 bezogen werden – zugleich das erste Samenkorn für die heutige Dominikanerkommunität M.-Dominique Chenu im Prenzlauer Berg!

Ein Vierteljahrhundert später ist aus dem einstigen theologischen Start-up ein akademischer Ort geworden, der über den deutschsprachigen Bereich hinaus anerkannt ist. Und da bereits die Altvorderen im Mittelalter wussten, dass Dominikaner nie alleine, sondern immer nur socii – mit Gefährten – unterwegs sein sollen, haben wir das Institut zu einem dominikanischen Ort der Begegnung entwickelt, mit Politiker*innen, Bischöfen, Kulturschaffenden und Ordensleuten aus dem In- und Ausland. Alle waren und sind herzlich willkommen, auch am Küchentisch unserer Gemeinschaft Chenu.

53 Forscherinnen aus 13 Ländern – Staff-Mitglieder, Gastwissenschaftlerinnen, Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen – waren in den vergangenen 25 Jahren in der Schwedter Straße tätig. Manche haben akademische Karriere gemacht und sind heute an renommierten Universitäten weltweit tätig. Nicht wenige konnten in Berlin an ihren Dissertationen arbeiten. Mit ihrer Hilfe kann das Institut M.-Dominique Chenu Berlin im internationalen akademischen Konzert seine Stimme erheben.

In allen Aktivitäten des Instituts geht es darum, die aktuellen gesellschaftlichen und kirchlichen Transformationsprozesse unter philosophischen, sozialethischen und theologischen Vorzeichen zu erforschen. Wie geht Glaube in einer nachchristlich-postsäkularen Gesellschaft? So lautet eine der Leitfragen, die z.B. auch unser Magazin „Wort und Antwort“ prägt. Oder, mit Bruno Cadoré OP, Ordensmeister von 2010 bis 2019, formuliert: „Mit welchen Methoden erkennt ihr die ‚Zeichen der Zeit‘?“

Eine kleine Einrichtung wie das Institut Chenu ist auf Kooperationspartner angewiesen: Ob Teamwork mit den drei großen Universitäten der deutschen Hauptstadt, Zusammenarbeit mit Fachkolleg*innen weltweit im Rahmen der zwölf Forschungsprojekte, ob Buchpublikationen mit wichtigen Verlagshäusern, finanzielle Förderung durch Stiftungen oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft, ob Kooperation mit politischen Impulsgebern, Kultureinrichtungen, kirchlichen Akteuren oder gesellschaftlichen NGOs: Immer geht es um interdisziplinäre Dialogarbeit. Ohne Partnerinnen würde die dominikanische Stimme kaum gehört.
Aus der Gruppe der drei Brüder ist über die Jahre eine formal errichtete „Domus“ mit eigenem Superior geworden. Heute leben mit Amirhoushang Rahmannejad OP, Max Cappabianca OP, Thomas Eggensperger OP und Ulrich Engel OP vier Brüder in der Schwedter Straße. Manche mehr waren es zwischenzeitlich, Dominikaner natürlich, aber auch Laien und ein Schönstatt-Pater – ein paar Ordenseintritte waren übrigens auch zu verzeichnen…
Das abschließende Wort an dieser Stelle gebührt dem Franzosen M.-Dominique Chenu OP (1895–1990), dem Patron unseres Forschungszentrums. Er betonte immer wieder die Notwendigkeit einer Theologie, die als Glaube „mit der Zeit solidarisch ist“. Dem fühlen wir uns in unserer Arbeit auch zukünftig verpflichtet.

Pater Ulrich Engel ist Professor für Theologie und u.a. Gründungsbeauftragter des Campus für Theologie und Spiritualität (CTS) Berlin. Seit 2024 ist er Superior der Kommunität M.-Dominique Chenu. Das Institut Chenu ist digital u.a. erreichbar auf institut-chenu.eu; das Quartalsmagazin „Wort und Antwort“ des Instituts ist digital präsent auf wort-und-antwort.de
Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin „kontakt“ der Dominikaner. Die Ausgabe kann online hier gelesen werden. Gerne senden wir auf Wunsch auch ein Printexemplar zu, dafür bitte einfach kurz melden.