Weitergeben, was trägt – Neues ermöglichen

Kölner Dominikaner übergeben ehemalige Klosterkirche an Theater der Keller e.V.

Die Dominikaner in Köln haben ihre ehemalige Klosterkirche Heilig Kreuz in der Lindenstraße an das freie Theater der Keller übergeben. Nach einem dreijährigen Entscheidungsprozess widmen die Predigerbrüder diesen Raum, in dem seit Beginn des 20. Jhs. täglich Eucharistie gefeiert wurde (mit kriegsbedingten Ausnahmen), einer neuen kulturellen Bestimmung. Die Ordensgemeinschaft setzt dabei bewusst auf das weiterhin offene und sinnvolle Angebot für Menschen in der Stadt.

„Dominikaner sind seit 1898 Teil dieses Viertels“, sagt Pater Dr. Gottfried Michelbrand OP, Prior des Konvents Heilig Kreuz. Seine Gemeinschaft war 2022 altersbedingt aus dem Kloster nahe dem Rudolfplatz gezogen. „Wir haben uns gefragt, was für unsere Nachbarschaft zukünftig gut wäre, für die Menschen in Köln.“ Rund drei Jahre lang prüften die Dominikaner intensiv verschiedene Nutzungskonzepte – kommerzielle, kulturelle, soziale. Die Entscheidung für das Theater sei nicht einfach gewesen, aber richtig.

Nicht einfach, aber richtig

Die Klosterkirche Heilig Kreuz war über 120 Jahre lang geistliche Heimat für die Dominikaner und die Menschen im Viertel. Hier wurden Paare getraut, Verstorbene verabschiedet, und Menschen in allen Lebensphasen begleitet. Der neoromanische Bau gehört zum Stadtbild wie zur Geschichte des Viertels. Das Klostergebäude war jedoch nicht barrierefrei. Für die älter gewordene Konventsgemeinschaft Heilig Kreuz wurden Treppen, Absätze und Stufen zur täglichen Herausforderung. Ein Umbau war aus baulichen Gründen nicht möglich. So traf der Konvent geschlossen die Entscheidung, sich räumlich zu verändern:

Im August 2022 zogen die älteren Brüder als erster Seniorenkonvent des Dominikanerordens in Deutschland und Österreich in ein Seniorenzentrum. Die jüngeren Predigerbrüder sind seitdem an der Dominikanerkirche St. Andreas nahe dem Kölner Hauptbahnhof als Priester und Seelsorger aktiv. Dort befindet sich auch das Grab des hl. Albertus Magnus, lebensweiser Dominikaner aus dem 13. Jahrhundert.

Aus Respekt vor den Menschen früher und heute

Und was sollte mit dem historischen Ort in der Lindenstraße geschehen? Diese Frage beschäftigte die Konventsgemeinschaft sehr. So begann ein Prozess, in dessen Mittelpunkt die Verantwortung für die Menschen im Viertel und in der Stadt stand.

Es meldeten sich verschiedene Interessenten: kommerzielle Investoren, kulturelle Initiativen und soziale Träger. Jedes Konzept wurde geprüft, diskutiert und abgewogen. Den Dominikanern war wichtig, den Raum offen zu halten und seine Würde zu bewahren – nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt vor der sakralen Fülle und vor den Menschen, die über Jahrzehnte bewusst hier ein- und ausgegangen waren.

Schließlich überzeugte das Theater der Keller durch seine inhaltliche Haltung. „Gesellschaftspolitisches Theater und dominikanische Theologie haben eine gemeinsame Methode: Sie stellen unbequeme Fragen, wo andere Antworten verkaufen.“ Für die Ordensgemeinschaft war auch entscheidend, dass das Theater der Keller seit 70 Jahren in Köln verwurzelt ist. Nach dem Verlust seines angestammten Standorts spielt es derzeit übergangsweise in Poll. „Dass wir einem wichtigen Theater eine neue dauerhafte Heimat ermöglichen können, ist für uns auch ein kulturpolitischer Beitrag in Köln“, so Pater Gottfried.

Tradition = weitergeben, was trägt; loslassen, was seine Zeit hatte

Der letzte Gottesdienst am 7. August 2022 in der Klosterkirche war für die Brüder ein schwerer Moment. Doch „Loslassen gehört zum Leben“, sagt Pater Gottfried heute. „Tradition bedeutet für uns nicht, alles bleibt so, wie es war. Tradition bedeutet für uns, weiterzugeben, was trägt – und aktiv loszulassen, was seine Zeit hatte.“ Der ehemalige Kirchenraum Heilig Kreuz wurde inzwischen profaniert: „Rechtlich ist er nun ein weltlicher Raum mit sakraler Geschichte“, erklärt der Prior. „Was sich ändert, ist die Funktion. Was bleibt, ist der Zweck: Menschen kommen zusammen und setzen sich auseinander in einem Sinnzusammenhang, der größer ist als sie selbst und sie positiv verändern kann.“

Konzentrierte Präsenz in der Stadt

Die Dominikaner bleiben also in Köln präsent. Sei es der Seniorenkonvent in der Schwalbengasse, die Seelsorge an St. Andreas oder die Provinzverwaltung in der benachbarten Lindenstraße – sie zeigen: „Präsenz bedeutet nicht, überall zu sein, sondern wirksam zu bleiben“, betont Pater Gottfried.

Für den Prior, seine Mitbrüder und die Provinzleitung der Dominikaner ist diese Entscheidung ein Beispiel dafür, wie Veränderung und Wandel aktiv begegnet werden kann. „Wir haben uns für eine bewusst gestaltete Transformation entschieden. Dieser Raum hat über ein Jahrhundert hinweg Menschen versammelt – das soll er auch weiterhin tun, wenn auch auf andere Weise.“

Die Umbauarbeiten des Theaters der Keller sollen zeitnah beginnen, um die neue Bleibe in der Lindenstraße mit der Spielzeit 2027/28 eröffnen zu können.


Dominikaner in Köln

Die Geschichte der Dominikaner in Köln reicht bis ins Jahr 1221 zurück, als sich die erste Gemeinschaft in der zentralen Stolkgasse niederließ. Albertus Magnus kam 1248 in die Stadt und gründete ein bis dahin einmaliges Studienhaus des Ordens (studium generale), aus dem die heutige Universität hervorging, die nach dem heiligen Dominikaner benannt ist. Mit ihm begann das wissenschaftliche Leben, Forschen und Veröffentlichen in Köln. Der hl. Thomas von Aquin gilt als Alberts bekanntester Schüler.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde das damalige Kloster Heilig Kreuz im Zuge der französischen Besatzung säkularisiert. Im Jahr 1898 kehrten die Dominikaner nach Köln zurück und begannen mit dem Klosterneubau in der Lindenstraße. Die Kirche wurde zu Beginn des 20. Jhs. geweiht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die beschädigte Klosterkirche wiederaufgebaut und 1952 neu geweiht. Mit der Verpachtung an das Theater der Keller für mindestens 60 Jahre lang beginnt ein weiteres neues Kapitel.

Fotos:
Header: Pater Gerfried Bramlage OP (l.) und Pater Dr. Gottfried Michelbrand OP (re.) rahmen das Leitungsteam des freien Kölner Theaters der Keller e.V. sowie die beiden Architekten Barbara und Walter Thiess, die den Umbau der ehemaligen Klosterkirche planen und umsetzen werden. Bild: Dominikaner Köln

Bild Außenansicht der Dominikanerkirche Heilig Kreuz: Gerfried Bramlage OP

Bild Innenansicht der Dominikanerkirche Heilig Kreuz: Janne Beuten

Bild Abschlussgottesdienst: Gerfried Bramlage OP

Bild Heilig Kreuz von 1906: Dominikaner Köln

Anmutung des umgebauten Bühnenraums: Barbara & Walter Thiess, Architekten BDA