Die Tatsache, dass der Islam durch Globalisierung und Migration in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland und Österreich heimisch geworden ist, bringt auch für die interreligiöse Begegnung eine grundlegend veränderte Situation mit sich. Dr. Dennis Halft OP forscht und lehrt zum Thema interreligiöser Dialog und berichtet hier über die Entstehung der gerade veröffentlichten neuen Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz „Christlich-muslimische Beziehungen in Deutschland“, an der er mitgearbeitet hat.
Mit circa 6,25 Millionen Musliminnen und Muslimen in Deutschland und Österreich, also einem Anteil von rund 6,8 % an der Gesamtbevölkerung beider Länder, bildet der Islam die größte religiöse Minderheit auf dem Gebiet unserer Ordensprovinz. Menschen muslimischen Glaubens weisen sowohl sprachlich als auch kulturell-ethnisch eine ungemeine Vielfalt auf. Viele Musliminnen und Muslime sind mittlerweile in Deutschland und Österreich geboren oder aufgewachsen, kommen hier ihren bürgerlichen Pflichten nach, zahlen Steuern und sind, wie andere religiöse oder säkulare Menschen auch, Teil der Gesellschaft.
Musliminnen und Muslime sind nicht mehr ‚die Anderen‘, mit denen es fernab Dialog zu führen gilt, sondern wir alle leben im selben Land und gestalten das hiesige Miteinander gemeinsam. Bereits die Konzilserklärung Nostra aetate „über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“, deren 60. Jubiläum wir 2025 begangen haben, „wählt[e]“, mit dem Dogmatiker Roman A. Siebenrock gesprochen, „einen Weg, in der [sic] die nichtchristlichen Religionen und ihre Mitglieder nicht Objekte der Erklärung, sondern mögliche Subjekte einer Beziehung werden“. Diese Beziehung gilt es beiderseitig zu gestalten.
Kein Selbstgespräch, sondern ein Lernen voneinander
Das Dialogangebot der Kirche an Menschen muslimischen Glaubens hat die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) in den 1980er Jahren erstmals mit einer „pastoralen Handreichung“ zum Umgang mit Musliminnen und Muslimen begleitet. Ziel war, Christinnen und Christen fundierte Informationen an die Hand zu geben, um auf theologischer wie praktischer Ebene den Dialog vor Ort führen und pflegen zu können. In Reaktion auf die veränderte Situation nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 wurde diese erste Arbeitshilfe 2003 durch einen grundlegend überarbeiteten Text ersetzt.
Mehr als 20 Jahre später, am 25. Februar 2026, stellten die deutschen Bischöfe auf ihrer Frühlings-Vollversammlung eine neue Arbeitshilfe „Christlich-muslimische Beziehungen in Deutschland“ vor, die zweieinhalb Jahre lang von einer Arbeitsgemeinschaft aus Expertinnen und Experten vorbereitet worden war.
Konkrete Wege, wie christlich-muslimischer Dialog gelingen kann
Die künftige Arbeitshilfe setzt bei der Haltung an: Eine dialogische Haltung ist kein lästiges Anhängsel, sondern gehört zum Wesen der Kirche. Sie wirbt dafür, die Lernbereitschaft und das friedliche Miteinander unterschiedlich Glaubender zu stärken und sich, in aller Verschiedenheit, als Teil der einen Menschheitsfamilie anzuerkennen. Der Islam solle in erster Linie als Glauben und damit als Chance, den eigenen Glauben im Angesicht des Nächsten zu vertiefen, wahrgenommen werden. Die Arbeitshilfe will zugleich konkrete Wege aufzeigen, wie der christlich-muslimische Dialog konstruktiv gelingen kann: durch das gemeinsame Anliegen des Gebets und der Aufrichtigkeit der Worte, durch die Verehrung des liebenden, barmherzigen Gottes und durch die gemeinsame Überzeugung, dass Gott das Heil aller Menschen will.
Konfliktthemen werden nicht ausgespart
Nichtsdestotrotz spart die Arbeitshilfe Konfliktthemen, die aus christlicher Perspektive eine Herausforderung für das interreligiöse Gespräch darstellen, nicht aus.
Dazu gehören Fragen von Extremismus, Islamismus und Salafismus, von Frauenrechten, Geschlechtergerechtigkeit und weiblicher Genitalverstümmelung, von Evangelisierung und Konversion. Für die Kirche zählen Religionsfreiheit, die Suche nach Wahrheit sowie gegenseitige Wertschätzung durch echte Beziehung zu den unbedingten Kriterien einer kritischen Differenzierung der Geister.
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Zum Autor: Frater Dr. Dennis Halft OP verwaltet als Islamwissenschaftler und Theologe an der Theologischen Fakultät Trier den Lehrstuhl für Abrahamitische Religionen mit Schwerpunkt Islam und interreligiöser Dialog. Er ist Mitglied des Institut dominicain d’études orientales (IDEO) in Kairo und seit 2021 Berater der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog (Kommission X) der Deutschen Bischofskonferenz.
Seine Perspektive veröffentlichte er zuerst im aktuellen Magazin kontakt der Dominikaner, zu dessen Erscheinen die Arbeitshilfe bereits verabschiedet, wenngleich noch nicht veröffentlicht war.
Die Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz kann digital als kostenfreie PDF-Datei heruntergeladen werden im DBK-Shop:
Christlich-muslimische Beziehungen in Deutschland
Dort ist auch eine gedruckte Version zu bestellen.